Sie befinden sich aktuell in den Wilhelm Greiners Communitainment-Blog Blog-Archiven für den folgenden Tag 13.9.2009.
13.9.2009 von Wilhelm Greiner.
Unter dem Titel “Wir Neandertaler” ist in der SZ am Wochenende vom 12./13.09.09 ein sehr interessanter Beitrag von Michaela Haas erschienen: Sie diskutiert die Frage, warum der Deutsche - ja sogar der Mensch generell - so auffällig wenig bereit ist, sein Verhalten aufgrund des drohenden Klimawandels zu ändern.
“Deutschland ist zwar gefühlter Öko-Weltmeister”, so der Beitrag, bei einer Studie der amerikanischen National Geographic Society über das Ökoverhalten in 17 Ländern seien die Deutschen aber nur auf Platz zehn gelandet. Zudem seien nur 43 Prozent der Deutschen durch Umweltprobleme beunruhigt - “zwölf Prozent weniger als der internationale Durchschnitt.”
Schlappe 14 Prozent der Deutschen fühlten sich für die Umweltprobleme verantwortlich, während das Mittel bei den Befragten in den 17 untersuchten Ländern bei 31 Prozent liege. Ebenfalls ein Menetekel ist folgende Aussage im Artikel: “Nicht einmal jeder dritte Deutsche glaubt, sein Leben werde sich durch die globale Erwärmung verschlechtern.” Wie man aus den Medien weiß, freut sich schon so mancher Weinbauer auf verbesserte Anbaubedingungen. Die Mehrheit scheint der Meinung: Alles kein Problem - lasst Palmen wachsen!
“Warum”, so zitiert Michaela Haas die in der New York Times gestellt Gretchenfrage, “wird unser Gehirn nicht grün?” Das Problem liege laut Stand der Wissenschaft darin, dass unsere Entscheidungsprozesse im Gehirn zum Thema Gewinn/Verlust und Risiko-Management immer noch nach den Mustern des Höhlenmenschen ablaufen: Das unmittelbare Risiko wird vermieden, die unmittelbare Gratifikation gesucht - jagen, sammeln, nicht vom Säbelzahn angeknabbert werden, das sind also nach wie vor die Prioritäten des modernen Menschen.
“Aber die schleichende Verseuchung mit Giften oder Klima-Erwärmung geht zu langsam vonstatten, um sie von unserem Gefahren-Radar erfassen zu lassen”, so Haas’ bedenkliche Folgerung. “Wir haben dafür keine Antenne. In diesem Fall versagt unser Instinkt. Wir zappen weg – bitte noch ein Bier.”
Zudem habe der Mensch laut Elke Weber, Professorin der Columbia Business School, nur ein ” begrenztes Sorgen-Reservoir” und sei somit nicht in der Lage, selbst eine berechtigte Sorge angesichts der Konkurrenz durch zahlreiche andere Alltagsprobleme und -problemchen über lange Zeit aufrechtzuerhalten.
Haas’ Fazit aus der wissenschaftlichen Debatte: “Weil unser emotionales Frühwarnsystem ein Auslauf-Modell ist, müssen wir unseren Verstand nach richtigen Informationen suchen lassen, um uns rational zu motivieren.” Die Autorin warnt: ” Im Augenblick ist bei den meisten zwar ein guter Wille vorhanden, aber Halbwissen führt zu halbherzigem Handeln.” Sie verweist für den besseren Überblick auf Websites wie goodguide.com, auf denen Anwender sich über die Umweltfreundlichkeit von Produkten umfassend informieren können.
Ein Lichtblick und zugleich ein Fingerzeig, in welche Richtung die Versuche gehen müssen, Mitbürger zu umweltfreundlicherem Handeln zu motivieren, ist eine im SZ-Beitrag genannte Erkenntnis von Forschern am CRED (Center for Research on Environmental Decisions) der Columbia University: “Wenn Menschen alleine Entscheidungen fällen und sie dann in der Gruppe kommunizieren, fallen sie egoistischer und kurzsichtiger aus. Wenn Menschen zuerst in der Gruppe diskutieren und dann entscheiden, gewinnen die langfristigen Gruppeninteressen.” Mehr öffentlicher Diskurs also - und zwar im Vorfeld von Alltagsentscheidungen.
Eine wichtige Richtlinie, wie diese Diskussion zu führen ist, liefert der im Artikel zitierte Direktor des Hamburger Umweltinstituts Michael Braungart: Die Diskussion müsse unbedingt weg von dem negativen Grundtenor, der den Menschen zum Schädling an der Umwelt erklärt. Braungarts Warnung: „Wir dürfen uns nicht schuldig fühlen, dann ist man nicht kreativ.“
Auf breiter gesellschaftlicher Basis ist also - wie auch auf der Ebene einzelner Green-Enterprise-Projekte in Unternehmen - Informationsaustausch und lebhafte, anregende Diskussion gefragt - aber ohne erhobenen Zeigefinger und Schuldzuweisung.
Information gekoppelt mit Anreizen und Motivation hingegen führt zu kreativem, lösungsorientiertem Handeln. Dies gilt im IT-Kontext für die Umweltthematik übrigens ebenso wie für Security Awareness oder das Service-Management.
P.S.: Dank an Johannes Wiele für den Lektüretipp!
Geschrieben in Green IT, Community-Management | Keine Kommentare »