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31.8.2010 von Wilhelm Greiner.
Wer heute etwas auf sich hält, hat mindestens so viele Mobiltelefone wie Ohren dabei und weitere zwei bis siebzehn Altgeräte in der “Vielleicht kann man’s ja nochmal brauchen”-Schublade. Wir haben uns - obschon häufig widerwillig - daran gewöhnt, dass allüberall mobiltelefoniert wird, gerne auch sehr laut - das Gegenüber ist schließlich weit weg, da muss man schreien. Fast überall: Natürlich nicht an Bord von Flugzeugen, die bekanntlich jeder mitreisende Terrorist einfach mittels Anruf bei Osama zum Absturz bringen könnte. (Wieso darf man die Dinger eigentlich mit an Bord nehmen? Nur mal so ‘ne Frage. Bin aber ganz froh, dass man in der Enge einer Flugzeugkabine weiterhin seine Ruhe hat.)
Ich kann mich noch erinnern an die Jugendjahre des Mobilfunks als Massenphänomen: In den frühen 1990er-Jahren galten Handy-Besitzer vielen Vertretern der kupferverkabelten und somit erdgebundenen Mehrheit als Angeber, die ja sooo schrecklich wichtig sind, dass sie mit dem Telefonieren nicht mal warten können, bis wieder ein ordentliches Telefon in Reichweite ist. Oder als Leute, die ihre Zeit mit unnötigem Geplapper verschwenden, statt was zu lesen oder sich mal in Ruhe (!) mit was zu beschäftigen.

Bild: (c) Wolfgang Traub
Was fällt uns da auf? Das sind so ziemlich genau die Vorurteile, die man heute gerne über Benutzer von Social Media hegt: Facebook ist eine Plattform für narzisstische Selbstdarstellungs-Teenager, und Twitter ist sowieso nur was für Leute, die sich nach übermäßigem Konsum von “Deutschland sucht den Superstar” für einen selbigen halten und deshalb ihren “Followern” jedes Detail zwischen Frühstück und Frührente mitteilen wollen.
Am anderen Ende der Skala des Social-Media-Rummels liegen die notorischen Early Adopters ebenso wie die stark wachsende Menge der Unternehmen, die sich aus Goldgräberstimmung oder Herdentrieb aufmachen, auf Facebook ihre Handtücher auf den Strandliegen der digitalen Kundennähe ausbreiten, in der Hoffnung, es mögen viele, viele “Fans” einzusammeln sein. Darunter auch zahlreiche Unternehmen, bei denen man sich unwillkürlich fragt: “Ihr habt Fans? Echt?”
Der Social-Media-Alltag aber liegt zwischen totaler Twitter-Verweigerung einerseits und der von den zahllosen selbsternannten Social-Media-Gurus verordneten Facebook-Fan-Sammelwut andererseits: Letztlich sind die aktuellen Social-Media-Techniken schlicht und ergreifend nützliche Werkzeuge, um mit dem Gegenüber bequem, vergleichsweise informell und vor allem echtzeitnah kommunizieren zu können.
“Echtzeitnah” heißt: eben nicht “in Echtzeit” wie bei der Telefonie, ob mobilgefunkt oder festvernetzt. Zwar gehört in den Social Networks eine zügige Reaktion auf Fragen, Kommentare etc. durchaus zur Netiquette, aber es gibt eben keinen Anspruch auf unverzügliche Antwort. Das ist der eigentliche große Vorteil von Facebook, Twitter und Co.: Sie sind ein großer und nützlicher Schritt vom Konzept des “Real-Time Webs” in Richtung “Right-Time Web”. Die Kommunikation wird beschleunigt, in gewisser Weise aber auch entschleunigt.
Deshalb sei - während Social Media gerade im Landeanflug auf den Status eines Alltagsphänomens sind - den Hochjublern wie den Rumkrittlern gesagt: Die Fluggäste werden gebeten, die Sitzlehnen senkrecht zu stellen und aufzuhören, aus den Ohren zu rauchen. Einfach mal zurücklehnen, tief durchatmen, Emotionen rausnehmen. Dann landet sich’s gleich viel entspannter.
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23.8.2010 von Wilhelm Greiner.
Deutschlandweit wird über Google Street View diskutiert, als ob dem Daten-Jäger-und-Sammler-Konzern mit dem Abfotografieren öffentlich einsehbarer Fassaden ein gar ausgefuchstes Schurkenstück gelungen sei, das unsere dunkelsten Geheimnisse erst ans Licht zerrt und dann im bösen Internet wie auch in Echtzeit präsentiert. Der Fachmann empfiehlt hierzu dem Bedenkenträger: Einfach einen pubertierenden Sprayer engagieren, der die Hauswand mit obszönen Graffiti dekoriert, dann muss Google auch ohne Antrag fröhlich drauflospixeln.
Andernorts im globalen Dorf hat derweil Facebook - in Sachen Sammeln und Auswerten von Web-Nutzungsdaten größter Google-Konkurrent - zunächst für den US-amerikanischen Teil seiner über 500 Mio. Benutzer von jetzt auf gleich den neuen Dienst “Places” freigeschaltet, der die Frage der Privatsphäre tatsächlich neu aufwirft - wieder einmal, muss man sagen, Facebook hat schließlich ein Händchen dafür, sich in Sachen Datenschutz unbeliebt zu machen: “Anträge für Hypotheken sind oft schneller und leichter auszufüllen als Facebooks Datenschutz-Einstellungen”, frotzelte zum Beispiel der britische Guardian.
Mit Places imitiert Facebook die jüngst sehr erfolgreichen Dienste der Geolocation-Community-Anbieter wie Foursquare und Gowalla: Benutzer können damit an Lokationen “einchecken”, sich darüber mit anderen Anwendern austauschen und Kommentare oder Bewertungen zu Kneipen, Restaurants, Geschäften etc. abgeben sowie Abzeichen (Badges) sammeln oder auch Boni einheimsen.
Den Trend hatte Facebook zunächst verschlafen - dabei hätte jeder Immobilienmakler den Facebuchmachern sagen können, was wirklich zählt: “Location, location, location!” Denn mit dem Einbinden von Ortsangaben hat Facebook nun eine Plattform, mit der sich in Echtzeit gezielt ortsabhängige Werbung vermarkten lässt - und das potenziell an eine halbe Milliarde Leute.
Über die Auswertung der Posts und Connections kennt Facebook die Interessen und das soziale Umfeld eines Anwenders; mit Geolokationsdaten - per Smartphone bei Check-ins automatisch generiert - lässt sich zudem nun ein genaues Bewegungs- und damit tatsächlich belegbares Verhaltensprofil erstellen. So etwas ist für Marketing-Profis Gold wert - Places könnte locker Facebooks einträglichster Dienst werden. Entsprechend wurde auch schon spekuliert, dass weniger Communities wie Foursquare und Gowalla, sondern vielmehr Online-Branchendienste wie Yelp unter die Räder des Places-Erfolgszuges geraten dürften - von den eh schon schwächelnden lokalen Print-Medien ganz zu schweigen.
Der “gläserne Konsument” wird damit Wirklichkeit - aber kein Grund zum Jammern, es wird ja keiner gezwungen, oder? Nun, gezwungen nicht, jedoch ging Facebook bei der Einführung von Places einmal mehr recht facebookisch vor: Der Dienst wurde automatisch für alle freigeschaltet - eingegebene Lokationsdaten sind somit sofort für den Freundeskreis (”Friends Only”) sichtbar (immerhin nicht “für alle” - ein Desaster wie das rund um den Start von Google Buzz wollte Facebook-Chef Mark Zuckerberg sich offenbar ersparen). Wer diese Places-Nutzung nicht wünscht, muss das manuell ändern.
Die Pointe kommt aber erst noch: Check-ins können auch andere Facebook-Teilnehmer für einen Anwender vornehmen. Was das für jeglichen Anspruch auf Privatsphäre bedeutet, sollte sofort klar sein: Kannste in die Tonne treten. Unerwünschte Nebenwirkungen treten plastisch vor’s Auge, wenn man sich - am besten nach Lektüre von Max Goldts “Krieg der Mädchenschweigekreise” - einschlägige Teenager-Tweets vorstellt: “Und wenn du mich weiter nervst, dann check ich dich bei Lidl ein!”
Was auf die Places-Einführung folgte, ist ein Ablauf, den wir wohl als Prototypen für Datenschutz im Facebook-Zeitalter betrachten dürfen: Facebook schaltet einen neuen Dienst frei, und einschlägige Websites überschlagen sich sofort im Posten von Anleitungen, wie man ihn wieder abschaltet. Und so schrieb dann auch die Online-Publikation SocialMediaToday ironisch: “Wir alle hassen Facebook Places jetzt schon.”
Deshalb folgt diesmal zur Illustration kein Cartoon oder sonst ein buntes Bildchen, sondern - man will sich ja keinem Trend verweigern - zwei Screenshots, wie man die drei betreffenden Einstellungen vornimmt: Man klickt rechts oben auf den Konto-Button, dann auf Privatsphäre-Einstellungen, dort auf den Link in der Mitte namens “Benutzerdefinierte Einstellungen”), stellt “Orte, die ich besuche” auf “Nur ich” und nimmt dann folgendes Häkchen raus:
Schließlich folgt etwas weiter unten eine dritte Änderung:
Es gibt aber auch eine alternative Strategie zum Schutz der bröckelnden Konsumenten-Privatsphäre: Einfach tagein, tagaus im Vorbeigehen immer nur bei ein und demselben Geschäft einchecken und dann gucken, was für Werbung im Lauf der Zeit so hochpoppt. Das kann, je nach gewählter Lokation, sicher sehr unterhaltsam werden - von meinem Home Office aus zum Beispiel ist die nächste öffentliche Einrichtung ein buddhistischer Tempel…
Wie sang schon die kanadische Comedy-Truppe “Three Dead Trolls in a Baggie” in ihrem höchst unterhaltsamen “Privacy Song“:
“You can lie to the man, you can lie right through your tooth.
They can take away our privacy,
but they can’t have the truth.”
(”Du kannst die Leute anlügen, bis sich die Balken biegen.
Sie können unsere Privatsphäre wegnehmen,
aber die Wahrheit bekommen sie nicht.”)
Im Augenblick ist check-in-mäßig noch Abwarten und Teetrinken angesagt: Places funktioniert derzeit nur in den USA. Aber sicher kommt der Dienst auch bald zum buddhistischen Tempel Ihres Vertrauens!
Geschrieben in Social Networks, Security Awareness | Keine Kommentare »
5.8.2010 von Wilhelm Greiner.
Es geschah am 5. August 2010, einem verregneten Sommertag, da bekämpfte die deutschsprachige Twitter-Gemeinde die aufkommende trübe Stimmung, indem sie sich kollektiv über einen Bericht der Münsterschen Zeitung amüsierte. Das Blatt hatte sich in einer Meldung vom 3. August mit dem demolierten Deko-Inventar eines Altenheims befasst - und dies unter der wohl selbst für Lokalredaktionen nicht übermäßig packenden Überschrift “Großer Blumenkübel zerstört“. Redakteur Ralf Heimann meldete dies mit dem Tweet “In Neuenkirchen ist ein Blumenkübel umgefallen“, was in seiner lakonischen Antiklimax stark an Meldungen der Satire-Site The Onion erinnert, die gerne mal Dinge berichtet wie: “Mann aus der Gegend hat wieder einen Tag überstanden” (”Area Man Makes It Through Day“).
Was nun folgte, könnte man durchaus als Lehrstück für so genannte “virale Verbreitung” betrachten - wenn es denn seitens der Zeitung Absicht gewesen wäre, woran man allerdings stark zweifeln darf. Als “virales Marketing” bezeichnet die Werbebranche Aktionen, die so witzig, amüsant oder überraschend sind, dass sie sich möglichst schnell und weit über die Social-Media-Kanäle verbreiten - sozusagen “per Ansteckung”, daher die etwas unschöne Metapher.
Die Twitter-Gemeinde - kommunikationsfreudig und mit ausgeprägtem Hang zu Spott, Ironie und Sarkasmus gesegnet - hat diese realsatirische Steilvorlage dankbar aufgegriffen und ein drohendes Sommerloch immerhin temporär überbrückt. “Blumenkübel” ist per digitalem Pollenflug in Nullkommanichts zum “Miniatur-Mem” geworden - zu einem Begriff, der durch massenhafte Verbreitung ein Eigenleben entwickelt.
Mit dem Hashtag “#Blumenkübel” wurde eine Zeitlang - Twitter-üblich in jeweils maximal 140 Zeichen - für gegenseitiges Amüsement gesorgt, so zum Beispiel mit Kurzkommentaren wie den folgenden, mit denen es der traurige Blumentopf sogar in die Twitter-Trend-Themen schaffte:
“Jörg Kachelmann wieder in Haft! Seiner Ex-Freundin zufolge hat er den #Blumenkübel brutal zerstört!”
“Gibt es schon Rettungspläne für systemrelevante #Blumenkübel?!”
“#Blumenkübel just ousted #Sack Reis as Major of Berichterstattung on @formsquare“ (Sic! Gemeint ist “Mayor” - eine Anspielung auf das Social Network bzw. Social Game Foursquare, bei dem der eifrigste Besucher einer Lokalität zu deren “Bürgermeister” ernannt wird.)
… und das ZDF tweetete ironisch Smiley-zwinkernd: “Vermutlich müssen wir heute um 19.20 Uhr ein ZDFspezial für den #Blumenkübel einschieben
”
(((Update)))
“+++ Exklusiv +++ Bundesumweltminister #Röttgen besucht #Blumenkübel -Zwischenlager auf der Insel Mainau - Endlager in Münster geplant”
“Die Brenner-Autobahn ist morgen gesperrt - Italienische #Blumenkübel streiken wegen schlechter Behandlung deutscher Kollegen.“
“+++Eilmeldung+++ In China ist ein Sack Reis umgefallen - genau auf einen #Blumenkübel, internationale Terrorwelle befürchtet.“
Der Kürzestgeschichtenerzähler Florian Meimberg (Twitter-Handle @tiny_tales) meldete sich mit folgender Drama-Miniatur: “Trudelnd raste das winzige Raumschiff gen Erde. Das letzte, was der Außerirdische vor dem Aufprall sah, war ein #Blumenkübel.”
Auch schön - auf ganz andere Weise - und damit ein Happy End für das betroffene Altenheim: “Geht doch! Würzburger Fa spendet Antoniusstift 2 neue #Blumenkübel http://bit.ly/cWjS5k”
(((Ende Update)))
Die Münstersche Zeitung griff diese unerwartete Web-2.0-Popularität schließlich selbst in einem Artikel auf - und konnte somit doch noch über Amüsanteres berichten als über Blumentopf-Vandalismus.
Wir merken uns: Von umgekippten Blumenkübeln lernen heißt siegen lernen!
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19.7.2010 von Wilhelm Greiner.
Als IT-Fachjournalist berichtet man eigentlich ungern über so genanntes “virales” Social Media Marketing, also Marketing-Kampagnen, die von der spontanen, vielfachen Weiterverbreitung durch Social-Media-Benutzer leben: Schließlich wird man durch den Bericht über das virale Marketing-Phänomen selbst Teil des Systems sich selbst replizierender Werbung.
Aber manchmal verdient es eine sehr gut gemachte Kampagne eben, dass man sich - sogar recht zeitnah, ohne die beruhigende Distanz des historischen Rückblicks - mit ihr befasst. Und dem US-amerikanischen Konsumgüter-Konzern Procter & Gamble (P&G) ist eben kürzlich mit seiner Social-Media-Kampagne für Deos und Co. der Marke “Old Spice” ein wahres Kunststück gelungen.
Im Mittelpunkt der Kampagne stand der Schauspieler Isaiah Mustafa, dem US-Publikum bekannt aus einer Serie von Werbespots mit dem Thema “The Man Your Man Could Smell Like” (”Der Mann, wie der Ihr Mann riechen könnte”) - amüsante Spots, deren erster im Web laut dem Blog Mashable.com schon über 19-millionenfach abgerufen wurde.
P&Gs Social-Marketing-Agentur hatte die Idee, Mustafa an wenigen Tagen eine Unzahl kurzer Videobotschaften senden zu lassen, jeweils in Beantwortung von Fragen oder Kommentaren, die über Social Networks wie Twitter, Facebook oder Reddit gepostet worden waren. Das Setting war dabei stets gleich: Der gut aussehende Mustafa - “I’m just a ridiculously handsome man”, wie er in der letzten der Videoantworten konstatiert - ist in einem Badezimmer zu sehen, badezimmertypisch bekleidet mit nur einem Handtuch um die Hüften (und, wie man vermuten darf, ohne es aber je zu sehen, in Badeschlappen). Mustafa nimmt für P&G in 24 Stunden über 180 Videobotschaften auf, die laut Visible Measures innerhalb weniger Tage millionenfach gesehen werden - der von Marketiers so ersehnte Effekt viraler Verbreitung.
Das Autorenteam trifft in den Videos genau den entspannten, lockeren, amüsanten und so gar nicht reklameartigen Tonfall, der im Web 2.0 beliebt ist - mal richtet Mustafa Botschaften an Prominente, mal erfüllt er die Bitte, er möchte doch im Namen eines Twitter-Nutzers um die Hand von dessen Angebeteter anhalten, mal nimmt er auf Wunsch eines anderen Unbekannten für diesen einen Anrufbeantworter-Text auf. Dies alles immer cool und augenzwinkernd (oder “tongue-in-cheek”, wie die Amerikaner sagen), und stets ganz frisch deodorierter Gentleman (”Monocle smile!”).
Dank Social Media - P&G hat hier die Plattformen wie YouTube und Twitter elegant für sich einzuspannen gewusst - hat eine originelle Idee, die dank hervorragendem Autorenteam und einem genau passenden Schauspieler perfekt umgesetzt wird, heutzutage das Zeug, in Nullkommanichts Teil der nationalen oder gar internationalen Populärkultur zu werden. Diese Kombination aus Originalität, treffsicheren Pointen und schwungvoller Umsetzung würde man sich viel öfter wünschen - gerne auch hierzulande, und gerne auch außerhalb des reinen Produktmarketings. Denn Social Media bieten mehr Raum für originelle und unterhaltsame Kommunikation, als der Begriff “Social Media Marketing” vermuten lässt.
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8.6.2010 von Wilhelm Greiner.
Der Einsatz von Social Media hat in den Unternehmen schon große Verbreitung gefunden - mal auf “Eigeninitiative” von Mitarbeitern (so neben der Arbeit her und zum Schrecken besorgter Vorgesetzter und Datenschützer), mal gewollt und gezielt als weiterer Baustein für den Informationsaustausch im Unternehmen oder die Kommunikation mit Kunden und Partnern.
Social-Media-Plattformen wie Facebook und Twitter werden dabei in aller Regel unter Gesichtspunkten des Marketings und der PR wahrgenommen. Dabei gibt es allerdings noch eine ganze Reihe weiterer denkbarer Einsatzfälle: Diese reichen vom Support via Twitter über Mitgestaltung der Kunden am Produktdesign per Social-Software-Plattform bis hin zur Personalsuche auf Facebook oder Business-orientierten Social Networks wie Xing oder Linkedin.
Ein Best-Practice-Beispiel für Personal-Management und Recruiting via Social Network liefert IBM. Das überrascht nicht wirklich - IBM ist in Social-Media-Belangen in mancherlei Hinsicht Vorreiter, was hier schon mehrmals Thema war.
Auf der letzten CeBIT hatte ich (obschon ich erst jetzt Zeit finde, das mal aufzubereiten), ein nettes Gespräch mit IBM-Vertretern zu diesem Thema. Wie ich erfahren habe, unterhält IBM auf Xing unter dem Namen “Greater IBM Connection in Germany” eine eigene Gruppe speziell und ausschließlich für ehemalige IBM-Mitarbeiter (im Lateinischen wie auch im Englischen “Alumni” genannt), also zum Beispiel frühere Werksstudenten sowie Mitarbeiter, die das Unternehmen verlassen haben, oder auch IBMer im Ruhestand).
Interessant sind die beachtlichen Zahlen: Im Frühjahr hatte die Gruppe 9.207 Mitglieder und es gab knapp 800 veröffentlichte Artikel - also weit mehr, als manch andere Xing-Gruppe vorzuweisen hat. Neben der Xing-Gruppe nutzt IBM für den Kontakt mit Ehemaligen auch weitere Social-Plattformen: einen Greater IBM Twitter-Account, einen YouTube-Kanal, Flickr-Bildergalerien sowie einen englischsprachigen Blog.
In einem Blog-Beitrag beschreibt Mitarbeiter Christian Koester die Zielsetzung der Greater IBM Connecntion: “Unsere Vision ist eine Community, die Menschen mit den unterschiedlichsten Potenzialen und Erfahrungen in einem innovativen Dialog verbindet. Unsere Mission ist es, eine Plattform für frühere und aktuelle IMBer zu schaffen, die aktives Networking mit exklusiven Inhalten verknüpft.”
Im Vorfeld hat IBM die Motivation ehemaliger Mitarbeiter, einem Alumni-Netzwerk beizutreten, in Form einer Studie untersucht: “Die wichtigsten Gründe für einen Beitritt waren demnach die Erweiterung des persönlichen Netzwerks, die Kontaktpflege zu ehemaligen Kollegen sowie die Versorgung mit aktuellen und exklusiven Infomationen zur IBM”, so Koester im Blog. Die Greater IBM Connection biete deshalb exklusive, redaktionell aufbereitete Inhalte zu IBM und zur IT-Branche insgesamt sowie zu den Community-internen Aktivitäten. Zudem gebe es moderierte Foren und ein Karriere-Center.
Dieses Vorgehen ist ein Beispiel für eine sehr intelligente Nutzung der Möglichkeiten von Xing, Twitter und Co. Denn für ein Unternehmen, das im weltweiten Wettbewerb auf hochqualifiziertes Fachpersonal angewiesen ist, ist ein aktives Alumni-Netzwerk sehr nützlich, um Kontakte zu ehemaligen Kollegen zu erhalten und zu pflegen.
Intelligente Social-Network-Nutzung kann einem Unternehmen im Idealfall die Investition in einen Headhunter ersparen - zumindest, wenn es, wie IBM, in Sachen Social Media über die reine Produktvermarktung hinausdenkt.
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30.5.2010 von Wilhelm Greiner.
Die Lage im Golf von Mexiko ist ernst und spitzt sich weiter zu: Auch mehrere Wochen - Stand heute: am Tag 40 - nach dem Sinken der Ölbohrplattform Deepwater Horizon hat es der Konzern BP trotz dreitägiger Anläufe mit dem “Topkill”-Verfahren nicht geschafft, das Ausströmen des Erdöls in den Tiefen des Meeres vor der einmaligen Naturlandschaft Louisianas und angrenzender Regionen einzudämmen. BP muss auf immer riskantere Rettungsmanöver setzen.
Wollte BP allerdings versuchen, die Situation auf Twitter schönzureden, so käme der Konzern zu spät: Ein Twitter-Account namens @BPGlobalPR, der vorgibt, der offizielle PR-Twitter-Kanal von BP zu sein, hat diese Rolle schon längst übernommen - und hat damit damit die Schönrednerei, die nach Katastrophen leider oft Standard ist, schon von vornherein per Karikatur unmöglich gemacht: Ein unbekannter Tweeter kommentiert hier die anhaltend dramatische Lage mit einem so schwarzem Humor, dass einem das Lachen im Hals stecken bleibt - bislang nannte man diesen Humor “rabenschwarz”, aber im Golf trifft diese Bescheibung ja nun vor allem auf die Seevögel zu.
Gerne nimmt der angebliche PR-Tweeter den Tonfall der “Spin Doctors” aufs Korn: “Bitte helfen Sie uns beim Rebranding. Wir nennen es jetzt nicht mehr ‘Ölpest’, sondern ‘Südstaaaten-Fun-Party’.”
Andere “PR-Tweets” führen BP mit blankem Zynismus vor: “Folgendes: Wir haben im Jahr 2009 45 Millionen Dollar Profit PRO TAG gemacht. Das hier ist wirklich nicht so schlimm. #bpcares”
Weitere dieser Tweets kann man unter http://twitter.com/BPGlobalPR am besten selbst nachlesen.
Gerade weil die Situation im Golf von Mexiko so unglaublich traurig und bedrohlich ist, bietet sie einem fähigen Satiriker (und ein solcher ist hier offenbar am Werk) eine, nun ja, sprudelnde Quelle für böse Kommentare. Man sollte die Tweets von @BPGlobalPR unbedingt verfolgen: Sie helfen, sich für die PR-Schlacht zu wappnen, die dem Kampf gegen die Ölpest mit Sicherheit noch jahrelang folgen wird.
Die Bloggerin Cat Girl hat übrigens einige dieser Tweets zu einer gelungenen Zusammenstellung sehenswerter Persiflagen auf BP-Werbeplakate aufbereitet: http://www.iridetheharlemline.com/twitter-photos/bpglobalpr-billboards/ - unbedingt anschauen!
… und dann sollten wir bitte nicht in Defaitismus verfallen, sondern überlegen, wie wir unsere Abhängigkeit von sinnlos eskalierendem Energieverbrauch ernsthaft eindämmen können. Denn man kann die Schuld an so einem Desaster nicht zu 100 Prozent auf die “böse BP” abwälzen. Und Satire allein ist auch keine Lösung.
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24.5.2010 von Wilhelm Greiner.
Viele Manager, IT-Leiter und Datenschützer haben starke Vorbehalte gegen Social Networks – und insbesondere Facebook gibt sich seit geraumer Zeit größte Mühe, diese Vorbehalte möglichst zu verstärken: Nicht nur ist nun sogar bei den in puncto Datenschutz oft unbedarften Facebook-Nutzern eine heftige Debatte über die Auswertung und Weitergabe der Anwenderdaten entstanden; begleitet war dies zudem von mehreren Sicherheitspannen des führenden Social Networks. Man konnte deshalb neuerdings vielerorts Tipps lesen, wie man den Datenschutz seines Facebook-Accounts verbessert, und kürzlich sah sich der Facebook-Chef Mark Zuckerberg angesichts heftiger Kritik sogar gezwungen, leichter verwendbare Privacy-Settings zu versprechen - ohne allerdings die Kritiker wirklich zu überzeugen (siehe zum Beispiel hier).
Dennoch ist Facebook derzeit nicht auf dem absteigenden Ast: Obwohl es Bewegungen gab und gibt, um Sammelaustritte aus Facebook anzuregen, ist die Zahl der Facebook-Benutzer trotz aller Debatten und Aktionen gestiegen. Zwischenbilanz: „Ich bin nicht auf Facebook“ ist das neue „Ich schaue kein Unterschichtenfernsehen“ – sprich: Es ist (derzeit) nicht mehrheitsfähig.
Auch manch ein Unternehmen hat sich inzwischen in puncto Social Networks und Social Media engagiert – sei es für das Marketing, die PR, die Personalsuche, das Wissens-Management oder die Kontaktpflege mit Zulieferern. Sind die Weichen einmal in Richtung Social Media gestellt, kann man sich natürlich nicht so einfach wieder verabschieden. Und den Mitarbeitern die private Nutzung von Social Networks pauschal zu untersagen, wäre für viele Verantwortliche nur schwer umsetzbar.
Hinzu kommt, dass es zahlreiche Social Networks gibt, die weit weniger umstritten sind als Facebook, aber je nach Einsatzzweck mindestens ebenso nützlich, zum Beispiel Slideshare, Posterous oder das Infonetzwerk Twitter - das bei den abkürzungsfreudigen Amerikanern sicher „Social Information Network“ hieße, wäre das Akronym dazu nicht „SIN“, als „Sünde“…
Nein, trotz aller Patzer und der eklatanten, vorsätzlichen Unübersichtlichkeit der Datenschutzeinstellungen auf Facebook ist der Rückzug aus Social Networks für das Gros der Unternehmen und Privatpersonen sicher nicht die optimale Lösung. Es gilt vielmehr, sich der Risiken bewusst zu sein – und dies auch bei der täglichen Nutzung immer im Hinterkopf zu behalten. Social Networks leben letztlich von „Social Intelligence“, also der Sammlung und Vermarktung der Angaben und Verhaltensmuster der Benutzerschaft. Ist man sich dessen einmal bewusst, kann man sein Social-Networking-Verhalten danach ausrichten.
Um es Unternehmen zu erleichtern, den Blick ihrer Mitarbeiter für die Tücken und Untiefen der Social-Media-Nutzung zu schärfen, haben der LANline-Cartoonist Wolfgang Traub und ich im Rahmen unseres Projekts „Communitainment, Inc“ bereits im März eine kleine, mit Cartoons bebilderte PowerPoint-Slideshow auf Slideshare in einer Version 0.9 veröffentlicht. Sie versammelt zwölf Tipps für die Social-Media-Nutzung und wurde auf Slideshare schon über 380-mal angesehen. Seitdem haben wir fleißig Feedback gesammelt – vielen Dank an dieser Stelle an alle Kommentatoren.
Jetzt ist die Slideshow „12 Social Media Tipps“ in Version 1.0 online. Wir haben vier Bilder gegen besser passende ausgetauscht und auch den Text an mancher Stelle prägnanter gefasst.
Unternehmen, die ihre Mitarbeiter auf unterhaltsame Weise für den verantwortungsbewussten Umgang mit Social Media sensibilisieren wollen, können ihre Kollegen auf folgenden registrierungsfrei zugänglichen Link verweisen:
http://www.slideshare.net/WilhelmGreiner/12-social-media-tipps
Wir freuen uns auch weiterhin auf konstruktive Kritik. Denn auch eine Version 1.0 ist nicht die „endgültige Fassung“, ist doch im Social-Media-Umfeld nichts jemals wirklich endgültig. In diesem Sinne: Viel Spaß mit der Präsentation - und dann: Augen auf bei der Nutzung von Facebook und Co.!
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13.5.2010 von Wilhelm Greiner.
Das Social Network Facebook hat wieder mal durch offenbar gezielt laschen Umgang mit der Privatsphäre seiner Mitglieder von sich reden gemacht - und das auch noch begleitet von klassischen Datenschutzpannen. Sogar in den USA - wo viele Leute die Themen Datenschutz und Privatsphäre nicht allzu ernst nehmen - wächst deshalb die Kritik an Facebook, es gibt sogar unter den Facebook-Nutzern eine zumindest kleine Austrittswelle (La Ola Ex-Facebookiana).
Betrachten wir deshalb doch mal ganz distanziert, aus Marsmännchen-Perspektive sozusagen, welche Strategien eine Einzelperson heutzutage zum Schutz ihrer Privatsphäre verfolgen könnte:

1. Lifecasting: Am einen Ende der Skala finden wir den Ansatz, Datenschutz sei “von gestern” oder “heute sowieso nicht mehr zu gewährleisten”. Wer es sich in dieser defaitistischen Ecke erst mal gemütlich gemacht hat, kann fröhlich dem Lifecasting (der kontinuierlichen Mitteilung über eigene Aktivitäten und Ansichten in Social Networks) frönen - mit all den Risiken und Nachteilen, derenthalben alle Datenschützer beim Thema Lifecasting die Hände kollektiv über den Köpfen zusammenschlagen (La Ola Privatsphäriana). Kann aber, wenn konsequent und mit Hirn umgesetzt, durchaus ein Geschäftsmodell sein, etwa für Promis (inklusive B-Promis, wir nennen hier mal keine Namen) oder auch für Tech-Blogger wie Robert Scoble (der unter dem Nickname @scobleizer fleißig dauertwittert). Derzeit groß im Kommen: das Ganze mittels des Online-Spiels Foursquare auch noch mit Geolokationsdaten kombinieren und per Tweet verbreiten. Sollte man mit Bedacht nutzen, wenn man sich in der Arbeit gerade krankgemeldet hat.
2. Totalverweigerung: Das andere Extrem bildet die Position, Social Media und Social Networks aufgrund von Bendenken wegen des Datenschutzes überhaupt nicht zu nutzen. Das mag in der Tat für viele Leute ein gangbarer Weg sein, wäre für mich als selbstständigen Journalisten und digital vernetzten Information Worker allerdings von Tag zu Tag schwieriger umzusetzen. Klassisches Gegenargument: Dann dürfte man auch keine Kreditkarten benutzen. Oder sich in kameraüberwachten Flughäfen rumtreiben. Oder in Kaufhäusern. Oder oder oder. Wir leben in einer Überwachungs-, Vermarktungs- und Auswertungs-Gesellschaft, aus der ein totaler Rückzug kaum mehr möglich ist. Was viele in den Punkt 1 treibt.
3. Granulare Kontrolle: Der Versuch, die Oberhand zu behalten über all die Informationen, die über einen selbst im Netz stehen. Wieder zurück zum Eingangsbeispiel: Facebook bietet dem Benutzer eine ganze Fülle an Kontrollmöglichkeiten - so detailliert, dass es schon wieder unübersichtlich ist. Wer sich auf dieses Spiel einlässt, muss zweierlei im Hinterkopf behalten: Erstens posten auch andere Leute über mich, und das zu monitoren oder gar zu kontrollieren, ist - wie auch im Offline-Leben - nicht praktikabel. Und zweitens kann Facebook jederzeit - wie schon mehrmals vorexerziert - erneut an den Privacy -Einstellungen rumschrauben, und dann steht man blöd da und darf von vorn anfangen. Da hilft nur, ein Social Network nach klarer Trennung von privat und öffentlich auszusuchen. Beispiel Twitter: Hier gibt es Tweets, Nachrichten an einzelne Empfänger und Direct Messages (DMs). Tweets sind öffentlich, Punkt. Nachrichten an Einzelpersonen erreichen zwar nur den Empfänger, sind aber per Timeline des Senders ebenfalls öffentlich - somit also nicht privater, als mitten in einer Menschenmenge zu telefonieren. Das weiß man, und damit ist es gut. DMs schließlich sind schlicht privat. Sollte Twitter DMs eines Tages öffentlich zugänglich machen, dann können sie jedes Geschäftsmodell beerdigen, also kann man davon ausgehen, dass DMs auch privat bleiben. Die PIN fürs Bankkonto sollte man aber besser trotzdem nicht per DM schicken. Granularer sollte es jedenfalls nicht sein, das macht’s nur unnötig kompliziert.
4. Social-Media-Stream als Lebenslauf: Bei einem Online-Brainstorming (”Innovation Jam”) von IBM hat jemand - ich weiß leider nicht mehr, wer - auf das generelle Risiko in der Social-Media-Welt hingewiesen, dass Posts “gegen einen verwendet werden”; Folgerung: deshalb solle man seine Social-Media-Aktivitäten am besten als einen digitalen, global verteilten Lebenslauf betrachten. Faustregel also: Poste nur, was du auch gegenüber potenziellen Arbeitgebern vertreten kannst - alles andere bleibt offline. Folgt man diesem Ansatz, spricht beispielsweise nichts dagegen, “Gehe heute Mountain-Bike fahren” zu posten, wenn man sich selbst als sportlichen Menschen sieht, der dies auch gerne kommuniziert. Selektives Lifecasting sozusagen, mit dem Nebeneffekt, dass man die verbleibenden, wirklich privaten Dinge schützt. Social Media als Eigenwerbung, das Individuum als Marke. An sich eine zeitgemäße, vernünftige Idee, die allerdings voraussetzt, dass man mit (sagen wir mal) 15 Jahren schon weiß, was einem mit 30 oder 40 Jahren peinlich sein wird und was nicht. Schwierig. Außerdem rein zweckorientiert und damit ein bisschen spießig. Aber das Prinzip “öffentlicher Lebenslauf” bewahrt einen immerhin vor grobem Datenklau - wenn schon nicht vor Social-Engineering-Angriffen oder vor Werbung (”Sie lieben Mountain Bikes? Dann besuchen Sie uns auf www…”).
5. Peter-Pantertum: Wer in Social Networks auch über Dinge bloggen, posten und tweeten möchte, die dem normkonformen Social-Media-Dauerlebenslauf nicht entsprechen, der sollte auf ein Alias ausweichen - oder gar auf mehrere. (Literarischer Exkurs: Der Autor Kurt Tucholsky war in den 1920-er Jahren so eifrig für die Zeitschrift “Schaubühne” tätig, dass er sich diverse Pseudonyme ausdenken musste, damit nicht unter jedem Beitrag “Kurt Tucholsky” steht. Und so entstanden die Schaubühne-Autoren Peter Panter, Theobald Tiger, Ignaz Wrobel und Kaspar Hauser. Diese Aliasse sind kürzlich im NRW-Wahlkampf als Blogger-Nicknames wieder aufgetaucht, ebenfalls mit dem Ziel der Verschleierung von Identitäten. Klammer zu.) Die Maskierung per Alias ist die mächtigste Waffe des Einzelnen im Kampf gegen Dauerüberwachung und Invasion der Privatsphäre. Problem: Wie bei jeder Maskerade muss auch die Social-Media-Maske gut sitzen, sprich: Man muss seine Identitäten sauber trennen, um Rückschlüsse vom einen Alias auf ein anderes zu unterbinden. Und diese Trennung muss man dauerhaft aufrechterhalten, sonst funktioniert’s nicht. Gut kombinierbar mit Punkt 3 und 4.
Im Social-Media-Zeitalter gilt: Nur wer mit Rollen und Identitäten geschickt sein Spiel zu treiben versteht, wird nicht selbst als Marionette auf der Bühne der globalen Auswertung von “Social-Intelligence”-Daten enden.
Geschrieben in Social Networks, Security Awareness | 2 Kommentare »
15.4.2010 von Wilhelm Greiner.
Wie ich kürzlich schon gepostet habe, bin ich ein ausgesprochener Fan von Twitter. Denn dieser Social-Media-Service liegt so ziemlich genau auf halbem Weg zwischen einem News-Ticker und einem Social Network wie etwa Facebook. Für mich als IT-Journalisten ist das ebenso angenehm wie nützlich - besser wird’s nicht.
Im Umfeld seiner ersten Entwicklerkonferenz namens Chirp in San Francisco hat die Twitter-Führungsriege nun kürzlich eine ganze Reihe von News verkündet - darunter auch einige, die entweder die Benutzerschaft oder aber das Entwicklerumfeld, von dem das Social-Info-Netzwerk hochgradig lebt, verunsichert haben. Schauen wir uns das also näher an.
Erste große Neuigkeit: Twitter, Inc. hat sich nach langem Anlauf zu einem Geschäftsmodell durchgerungen - nachdem vor genau einem Jahr das von mir hoch geschätzte Magazin brand eins noch gespöttelt hatte, Twitters Verhältnis von investiertem Wagniskapital zum Ertrag (in Dollar) sei 35.000.000 zu 0.
Jetzt will Twitter “Promoted Tweets” einführen, also von Werbetreibenden bezahlte Einträge in Suchergebnissen. Das lukrative Prinzip hat man von Google abgeschaut, wo man das schon längst praktiziert.
Zahlreiche Tweeter äußerten sich verärgert darüber, in ihrem Twitter-Feed Werbung vorfinden zu sollen, während Marktkenner sich angetan zeigten, dass die beliebte Plattform nun einen Plan hat, wie künftig (jenseits von Partnerschaften mit Google und Microsoft) die Kohle reinkommen soll. Ich persönlich hätte nichts gegen solche “Sponsored Tweets” einzuwenden, solange sie klar als solche gekennzeichnet sind und nicht überhand nehmen. Beides hat Twitter auf der Chirp zugesichert.
Noch wesentlich höhere Wellen haben andere Schachzüge der Chefzwitscherer gesorgt: So hat das Unternehmen kürzlich einen offiziellen Twitter-Client für Blackberry vorgestellt und Atebits, den Entwickler des laut Fachleuten besten iPhone-Clients Tweetie, aufgekauft. Ein Android-Client ist laut Twitter in Vorbereitung. Denn um seine Promoted Tweets an den Tweeter und die Tweeterin zu bringen, glauben die San-Franziskaner offenbar, den “Vertriebsweg” kontrollieren zu müssen. Das Problem: Mit jedem “offiziellen” Stück Twitter-Software fürchten Entwickler aus Twitters Ökosystem um ihre eigenen Geschäftsmodelle.
Twitter ist im Kern eine spartanische Microblogging-Plattform, aber eben - ein zentrales Element - mit einer API (Programmierschnittstelle), die Abertausenden von Entwicklern Zugriff auf die Twitter-Funktionalität bietet. Das heißt, der Twitter-Führung steht nun ein Balanceakt bevor: links des Drahtseils die ökonomischen Interessen eines gewinnorientierten Unternehmens, rechts davon das Ökosystem der Entwickler-Community, die das Fundament für den enormen Erfolg der Twittersphere gelegt hat und legt.
Auf “maximal 140 Zeichen” gepolt, hat es das Team um CEO Evan Williams offenbar nur mit Müh’ und Not geschafft, die Community wieder zu beruhigen. Inzwischen aber hat man eine eigene Enwickler-Site gelauncht sowie betont, dass nach wie vor großer Bedarf für Zusatzapplikationen besteht - und dass man die Sponsoring-Gewinne mit den Entwicklungspartnern teilen werde, die Promoted Tweets in ihren Applikationen nutzen (statt sie zu blocken, was sicher auch eine Produktgattung werden wird).
Man darf gespannt sein, wie Twitter in puncto “tragfähiges Geschäftsmodell” den Sprung von 0 auf 1 schaffen wird. Und das alles, wie ebenfalls endlich bekanntgegeben, vor dem Hintergrund dramatischen Wachstums bei den Benutzerzahlen: Denn laut Twitter gibt es schon über 105 Millionen registrierte Benutzer, die täglich 3 Mrd. Requests und 600 Mio. Suchanfragen absetzen - und jeden Tag kommen 300.000 weitere Anwender hinzu.
Wenn Twitter nicht nochmal patzt, dann sind das also durchaus rosige Aussichten. Please retweet.
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7.4.2010 von Wilhelm Greiner.
Meine Social-Networking-Aktivitäten verteilen sich auf diverse Sites, aber echte Begeisterung kommt bei mir nur für einen Dienst auf: für Twitter. Da frage ich mich natürlich als kritischer, ja investigativer Journalist: Woran liegt das?
Als LANline-Redakteur bin ich berufsmäßig, aber außerdem hobby- und generell neugierbedingt auf diversen Social-Networking- und Social-Media-Sites zugange: Natürlich auf meinem Blog metaphorous.com (wenn auch nur mit einer neuen Glosse pro Woche), auf Xing, Linkedin, Facebook, Posterous (nützlich als Aggregator-Site), SlideShare (nützlich für, wer hätt’s gedacht, das Sharing von Slides), Greenaction (Social Network von Greenpeace, daher thematisch stark eingeschränkt) und eben Twitter. Mein Engagement auf diesen Seiten ist mal mehr, mal - OK: meistens - weniger intensiv, Letzteres vor allem dem Umstand geschuldet, dass der Tag leider nur 24 Stunden hat - wenn wir vom Tag der Umstellung von der Sommer- auf die Winterzeit als sprichwörtliche die Regel bestätigende Ausnahme mal absehen.
Wieso also nehme ich mir mehrmals täglich Zeit für Twitter? Erstens liegt das sicher daran, dass zahlreiche IT-Unternehmen inzwischen auf Twitter aktiv sind - vor allem für PR und Marketing - und das Twitter-Netzwerk für die Ankündigung von Pressemitteilungen, Webinaren, White Papers etc. nutzen - eine Art Reuters-Ticker, nur eben als Tweet-Feed. Für die einen ist das Zweckentfremdung, für mich ist es praktisch - aber praktisch für den Journalistenalltag sind schließlich viele Social Networks. Daran allein liegt’s also nicht.
Hinzu kommt, das die Tweets aufgrund der Twitter-”Spielregeln” mit ihren maximal 140 Zeichen - meist weniger, um schnelle Retweets zu ermöglichen - immer angenehm kurz sind. Selbst wenn man die Personen und PR-Teams, denen man folgt, sorgfältig auswählt, gibt es bei Twitter immer einen hohen Pegel an “Grundrauschen” (also Tweets, die mich im Augenblick so überhaupt nicht interessieren) - aber man ist wenigstens schnell drüber weggescrollt. “In der Kürze liegt die Würze”, wie der Volksmund sagt (und, da nur 28 Zeichen lang, auch sehr gut tweeten könnte). Denn damit ist der Info-Kompressionsdienst Twitter immer mal wieder gut für eine Anregung zwischendurch, mal kurz reinschauen, ein bisschen scrollen, und schon hat man wieder etwas Interessantes, Amüsantes, mitunter sogar Nützliches gefunden.
Aber selbst das erklärt den hohen Twitter-macht-süchtig-Koeffizienten nicht. Ich glaube, es liegt an der spielerischen Komponente von Twitter (die der Dienst Foursquare mit seinen vielen Badges, die man erwerben kann, noch viel weiter treibt): Twitter macht Spaß, weil es den Benutzer spielerisch dazu verleitet, Informationen oder zumindest Informationshäppchen, gerne auch mit Links zu weiteren Quellen, mit anderen zu teilen.
Nicht nur das 140-Zeichen-Limit weckt den Spieltrieb (Kann ich das, was ich sagen will, nochmal um 13 Zeichen kürzer formulieren? Das muss doch irgendwie gehen!). Vielmehr muss man zumindest die paar Twitter-üblichen Kürzel und Mechanismen (RT für Retweet, @ für das Markieren eines Benutzernamens, Direct Messages etc.) ebenso kennen wie die Grundregeln der Twitter-Etiquette. Und zudem haben sich ein paar nette Rituale eingebürgert wie der Follow Friday (#ff). Das alles hat etwas von Insider-Mechanismen, “the secret handshake”, ich bin drin und du bist draußen - so funktionieren kurzfristige Modeerscheinungen, aber eben auch soziale Gruppen und damit auch erfolgreiche Social Networks.
Twitter ist im Vergleich zu anderen Social Networks minimalistisch, äußerst reduziert - aber dennoch Community-gerecht und unterhaltsam: Communitainment, dem man sogar vom Handy aus frönen kann. Informationsaustausch, der anregend wirkt und den Spieltrieb weckt - was könnte es Besseres geben?
OK, das war’s. Muss jetzt wieder nach meinem Twitter-Feed schauen.
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